Wie orientiert sich ein Mensch in einem Raum, wenn Sehen nicht das wichtigste Wahrnehmungsinstrument ist? Diese Frage bildet den Ausgangspunkt des Projekts. Während Barrierefreiheit im Bauwesen häufig vor allem auf Mobilitätseinschränkungen ausgerichtet ist, bleiben die räumlichen Anforderungen blinder und sehbehinderter Menschen oft unzureichend berücksichtigt. Orientierung erfolgt hier weniger über visuelle Reize, sondern über Material, Klang, Geruch, Temperatur und räumliche Abfolgen. Genau diese Aspekte wurden im Entwurf untersucht. Wie kann Innenarchitektur so gestaltet werden, dass Räume auch ohne visuelle Orientierung verständlich, sicher und intuitiv nutzbar sind.
Aus dieser Fragestellung entstand der innenarchitektonische Entwurf eines barrierefreien Ferienhauses an der Ostsee, das gezielt auf die Bedürfnisse blinder und sehbehinderter Besucher abgestimmt ist. Ziel war es, eine Ferienumgebung zu entwickeln, die sowohl selbstständige Orientierung ermöglicht als auch eine hohe räumliche Qualität und Aufenthaltsatmosphäre bietet. Der Fokus liegt dabei auf einem multisensorischen Raumkonzept. Materialien, Oberflächen, Akustik und Licht werden bewusst eingesetzt, um räumliche Hierarchien erfahrbar zu machen und Orientierung über mehrere Sinne zu ermöglichen.
Standortanalyse
Der Standort des Gebäudes liegt in Boltenhagen in unmittelbarer Nähe zur Strandpromenade. Barrierefreie Stellplätze, rollstuhlgerechte Wege und eine Rampe mit geringer Steigung ermöglichen ein selbstständiges Ankommen für unterschiedliche Nutzergruppen. Aus der Analyse der Nutzerbedürfnisse und der Umgebung entwickelte sich das zentrale Gestaltungskonzept des Projekts: die Schichtung. Inspiriert von natürlichen Schichtungen der Küstenlandschaft, etwa Sandablagerungen, Muschelschalen oder geologischen Formationen, organisiert sich das Gebäude räumlich in aufeinander aufbauenden Ebenen. Jede Zone bildet eine eigene Schicht zwischen Öffentlich-keit und Rückzug.
Diese Schichtung wird sowohl horizontal als auch vertikal erfahrbar. Horizontal beschreibt sie die Bewegung vom öffentlichen Außenraum über gemein-schaftliche Bereiche bis hin zum privaten Wohnraum. Dabei verändern sich Materialität, Akustik und Licht schrittweise von offenen, lebendigen Bereichen hin zu ruhigeren und geschützten Zonen. Vertikal unterstützt die Schichtung die Orientierung im Gebäude. Jedes Geschoss erhält eine eigene Farbnuance, die sich in Wanddetails, Türrahmen und Möblierung wiederfindet und als Wiedererkennungsmerkmal dient.
Konzept
Horizontale Schichtung:
Bewegung von außen nach innen
gliedert den Alltag innerhalb eines
Geschosses – wie Menschen Räume
nutzen
vom öffentlichen zum privaten Bereich
innerhalb der Wohnung bzw. des
Geschosses
Material | Licht | Akustik
Vertikale Schichtung:
Bewegung von unten nach oben
sorgt für eine intuitive Führung des
Nutzers von einem Geschoss zum
nächsten
Wiedererkennbarkeit jedes Geschosses
durch Farbnuancen
Farbe
Horizontale Schichtung
Vertikale Schichtung
Konzeptdarstellung
Das Erdgeschoss ist schwellenlos zugänglich und bildet den barrierefreien Auftakt des Gebäudes. Hier befinden sich eine rollstuhlgerechte Ferienwohnung sowie ein rollstuhlgerechter Gemein-schaftsbereich. Ein zentraler Aufzug verbindet alle Geschosse bis zum Dachgeschoss. Die bestehenden Grundrissstrukturen wurden weitgehend erhalten und nur punktuell geöffnet, um bessere Orientierung und großzügigere Raumbezüge zu schaffen. Auch die versetzten Zwischenebenen im Anbau bleiben bestehen und sind sowohl über Treppe als auch über den Aufzug erreichbar.
Im Innenraum unterstützen Materialwechsel und haptische Unterschiede die räumliche Orientierung. Unterschiedliche Bodenoberflächen erzeugen charakteristische Klang- und Tastqualitäten und helfen dabei, Funktionsbereiche zu unterscheiden. Handläufe mit taktilen Informationen aus Bronze, kontrastreiche Türrahmen sowie beleuchtete Stufenmarkierungen im Treppenhaus erleichtern die sichere Nutzung des Gebäudes.
Der Gemeinschaftsbereich bildet das kommunikative Zentrum des Hauses. Flexible Möbel, großzügige Bewegungsflächen und eine unterfahrbare Küchenzeile ermöglichen gemeinsames Kochen, Essen und Austausch.
Die Wohnungen bilden die privateste Schicht des Gebäudes. Helle Holzböden, textile Oberflächen und eine gedämpfte Akustik schaffen eine ruhige Wohnatmosphäre. Küchen, Bäder und Möblierung sind barrierefrei gestaltet und unterstützen eine selbstständige Nutzung im Alltag. In der rollstuhlgerechten Wohnung sorgen zusätzlich unterfahrbare Arbeitsflächen, absenkbare Schränke und taktile Symbole für eine intuitive Orientierung.
Ein weiterer zentraler Aspekt des Entwurfs ist die konsequente Umsetzung eines Zwei-Sinne-Prinzips. Informationen werden im Gebäude nie ausschließlich visuell vermittelt, sondern immer über mindestens zwei Wahrnehmungskanäle erfahrbar gemacht. Visuelle Kontraste werden daher durch taktile Materialien, unterschiedliche Oberflächen oder akustische Veränderungen ergänzt.
Auch die Gestaltung der Möbel folgt diesem Ansatz. Alle Einbauten sind standsicher, klar gegliedert und bewusst reduziert gestaltet. Abgerundete Kanten minimieren das Verletzungsrisiko beim Ertasten, während kontrastreiche Materialien wichtige Funktionsbereiche hervorheben. Taktile Symbole an Schrankfronten und Küchenmodulen erleichtern das Auffinden wichtiger Funktionen im Alltag.
Die Lichtgestaltung übernimmt im Gebäude ebenfalls eine orientierende Rolle. Blendfreies, indirektes Licht unterstützt eine ruhige Atmosphäre und verhindert starke Hell-Dunkel-Kontraste. Gleichzeitig markieren gezielte Lichtakzente wichtige Elemente wie Handläufe, Sockelbereiche oder Bewegungszonen. Im Außenraum setzt sich dieses Prinzip fort. Unterschiedliche Bodenmaterialien, tastbare Kanten und klare Wegeführungen erleichtern die Orientierung bereits beim Betreten des Grundstücks.
Im Gemeinschaftsbereich können unter anderem Workshops, gemeinsames Kochen oder kleinere Veranstaltungen stattfinden. Dafür kommen flexible Tische zum Einsatz, die je nach Bedarf zu einer langen Tafel zusammengestellt oder als einzelne kleine Tische genutzt werden können. Werden sie nicht benötigt, lassen sie sich platzsparend in der Funktionswand verstauen, sodass der Raum schnell wieder frei und offen nutzbar bleibt.
Ergänzend dazu ist der Raum so organisiert, dass klare Bewegungsflächen erhalten bleiben und sich Besucher sicher orientieren können. Die Möblierung folgt einer ruhigen, übersichtlichen Anordnung, wodurch Wege frei bleiben und der Raum trotz seiner Flexibilität gut lesbar bleibt.
Die Material- und Farbgestaltung folgt der räumlichen Abfolge vom öffentlichen zum privaten Bereich. In den stärker frequentierten Zonen wie Außenraum, Eingangsbereich und Fluren dominieren robuste, mineralische Materialien wie Kies, Sichtbeton und Travertin. Sie sind langlebig, gut wahrnehmbar und unterstützen durch ihre klare Haptik die Orientierung.
Mit zunehmender Nähe zu den privaten Bereichen verändert sich die Materialität spürbar. Holz, textile Oberflächen und weichere Materialien prägen die Wohnungen und schaffen eine ruhigere, wärmere Atmosphäre. Gleichzeitig wirken sie akustisch dämpfend und fördern ein Gefühl von Geborgenheit. Dezente Geschossfarben dienen zusätzlich als Orientierungssystem im Gebäude und helfen dabei, Etagen intuitiv wiederzuerkennen, ohne die ruhige Gesamtwirkung der Räume zu stören.